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In den Fußstapfen des Heiligen Ignatius

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Kein Jesuit darf davon träumen oder danach streben, Generaloberer der Gesellschaft Jesu zu werden. Was diesen Punkt betrifft, war der Hl. Ignatius sehr streng und konsequent: Selbst der Wunsch nach dem Amt schließt einen Jesuiten von der Wahl aus.

 

Mein Name stand 1983 auf keiner Liste; im Januar dieses Jahres schien der Name von Pater Adolfo Nicolás nicht unter den Favoriten auf. So ist der Jesuit, der gewählt wird, für viele und besonders für ihn selber eine Überraschung.

 

An dem für die Wahl festgesetzten Tag feiern die 225 Wahlmänner gemeinsam die Eucharistie und gehen dann in den Sitzungssaal, um eine Stunde in stillem Gebet zu verharren, nachdem sie aber zuvor von einem aus ihren Reihen an die erforderlichen Eigenschaften des Generaloberen und an die Beschreibung seines Amtes erinnert worden sind, wie es der Hl. Ignatius in den Satzungen niedergelegt hat. Es ist ein derartiges Idealbild, daß sogar Ignatius zugab, es würde höchst unwahrscheinlich sein, alle diese Eigenschaften in einer einzigen Person zu finden. Er mußte die tröstende Anmerkung hinzufügen: »Und wenn ihm einige der oben genannten Eigenschaften fehlen sollten, soll ihm wenigstens nicht große Güte sowie Liebe zur Gesellschaft fehlen«. Diese Liebe zur Gesellschaft ist nicht bloß eine Frage des Gefühls; sie muß konkret verkörpert werden. Wenn ein Jesuit ein Diener der Mission Christi ist, ist es sehr wahrscheinlich, daß die Generalkongregation es vorziehen wird, einen Jesuiten zu wählen, der mit der Mission betraut ist, die Frohe Botschaft des Herrn überall dort zu verkünden, wo Christus völlig unbekannt oder kaum bekannt ist. Es ist ganz bezeichnend, daß die letzten drei gewählten Generaloberen alle »Missionare« waren: Europäer, die nach Japan oder in den Nahen Osten entsandt worden waren.

 

Das Alter des gewählten Generaloberen spielt natürlich eine Rolle. Ein langes Generalat von mehr als zwanzig Jahren hat den Vorteil, Kontinuität sicherzustellen; ein kürzeres Generalat erlaubt einen neuen Anfang, einen neuen Weg im Leben der Gesellschaft. Auf jeden Fall wird der Generalobere auf Lebenszeit gewählt - was Pater Pedro Arrupe als »ein lebendiges Generalat« verstand: Solange, als er der Gesellschaft neues Leben zu geben vermag. Es ist ziemlich unwahrscheinlich, daß ein Jesuit, der nie sein Heimatland verließ, der nur seine Muttersprache spricht, der nie die Erfahrung als Oberer gemacht hat, der mit ernsten gesundheitlichen Problemen zu kämpfen hat und keine kommunikativen Fähigkeiten besitzt, jemals Generaloberer werden wird, selbst wenn er ein heiligmäßiger Mann und ein hervorragender Jesuit ist. Doch auch ohne derartige Handicaps wird sich ein Jesuit für dieses Amt unvorbereitet fühlen: Es gibt dafür keinen Ausbildungsweg und keine Vorbereitung, um es zu lernen. In meinem Fall waren meine Gespräche mit Pater Arrupe sehr eingeschränkt, weil dieser nach seinem Schlaganfall gelähmt war und kaum sprechen konnte.

 

Ich sagte die Wahrheit, als ich nach meiner Wahl in einer kurzen Botschaft an die Gesellschaft gestehen mußte, daß ich die weltweite Gesellschaft nicht kannte. Ich hatte die Entscheidung meiner Oberen, mich in den Nahen Osten zu senden, stets als eine große Gnade Gottes betrachtet: Die Spiritualität der Kirchen des Ostens und die Weisheit der Menschen im Libanon, in Syrien und Ägypten waren - trotz des anhaltenden Kriegszustandes und der Unruhe in dieser explosiven Weltgegend - für mein Leben als Jesuit ungeheuer bereichernd. Aber der Kampf um das menschliche Überleben und den christlichen Glauben im Nahen Osten hatte zur Folge, daß weltweite Probleme mehr oder weniger unbeachtet blieben. Themenbereiche wie die Durchführung des II. Vatikanischen Konzils, die zunehmende Säkularisierung, die Theologie der Befreiung, die Erneuerung des Ordenslebens und Spannungen in den Beziehungen der Jesuiten zum Heiligen Stuhl lagen weit ab von unseren apostolischen Anliegen im Nahen Osten. Sobald ich zum Generaloberen gewählt worden war, mußte ich die Gesellschaft Jesu in der ganzen Welt kennenlernen. Ich bin noch immer sehr dankbar für all den Rat und die Hilfe, die mir von dem Mitarbeiterstab der Jesuitenkurie zuteil wurde: So wurde ein augenscheinlich unmöglicher Auftrag möglich gemacht.

 

In den 24 Jahren nach meiner Wahl habe ich praktisch alle Länder besucht, wo Jesuiten arbeiten: Ich traf sie in geistig höchst anspruchsvollen Institutionen und in Slums, in Pfarreien und in Flüchtlingslagern, in Noviziaten und in Kommunitäten für betagte Mitbrüder, in geistlichen Zentren und in Rundfunk- und Fernsehstationen. Ich hatte das Privileg, aus nächster Nähe einer großen Gruppe von Jesuiten zu begegnen, die sich trotz menschlicher Beschränkungen und unvermeidlicher Schwäche weiterhin dem Auftrag Christi widmeten. Oft taten sie dies in äußerst schwierigen Situationen, nicht nur aufgrund materieller Armut, sondern auch in geistlicher Hinsicht, wenn ihre Mission vom »modernen Leben« oder vom religiösen Fundamentalismus nicht gern angenommen oder lediglich mit kühler Gleichgültigkeit begrüßt wurde.

 

Und dann gab es für mich das enorme Privileg, einige Jesuiten kennenzulernen, die dazu berufen waren, den Worten des Herrn »ad pedem litterae« zu folgen: Es gibt keine größere Liebe, als sein Leben für seinen Freund hinzugeben.

 

Ich kannte Jesuiten in El Salvador, in Afrika, in Indien und hier im Libanon, die zum Zeugnis der Liebe und Treue zum Herrn ihr Leben hingegeben haben.

 

Alle diese Begegnungen lehrten mich die Gesellschaft Jesu lieben - alle diese »Freunde im Herrn«, wie der Hl. Ignatius sie nannte. Wir müssen dem Herrn dafür danken, daß ungeachtet einer mitunter verwirrenden Verschiedenheit von Persönlichkeiten, Charakteren, Sprachen und Kulturen der universale Leib der Gesellschaft nicht »uniform«, aber »in Herz und Verstand geeint« ist. Es ist eine auf die einzigartige Erfahrung der Geistlichen Übungen gegründete Einheit, die uns alle gemeinsam auf einen Weg zu Gott und, inspiriert durch die Sendung Christi, zum Weitergehen geführt hat.

 

Da der Herr den großen Wunsch hat, unsere Welt zu retten und zu heilen, wird das Bauen von Brücken über trennende Grenzen hinweg für Jesuiten zur entscheidenden Aufgabe. Wie es die letzte Generalkongregation sieht, gibt es drei ignatianische Prinzipien, die uns dazu befähigen, uns in dem Auftrag Christi zu engagieren, eine zerbrochene Welt zu einen: die Liebe Gottes, unseres Herrn; unsere Einheit im Herzen und Verstand; und der Gehorsam, der jeden von uns in die Mission in jeden Teil dieser Welt sendet.

 

Peter-Hans Kolvenbach, S.J.

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